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Ein Kaleidoskop federschwer und lebensleicht!

Es weitet sich der Blick, dieses Mal über Europa hinaus. Er bezieht das Vergangene mit ein, richtet sich nach vorn, fokussiert Mikro- und Makro-Kosmen.

Eric Bass aus den USA, der uns jungen Puppenspielern in den 70er und 80er Jahren die Augen öffnete für die Magie der animierten Figuren, ist mit dabei. Ebenso Enno Podehl, maßgeblicher Mentor der freien Puppentheater- Szene in Braunschweig und langjähriger Leiter der Braunschweiger Puppenspielwoche. Er zeigt, zusammen mit Mirjam Hesse, der ehemaligen Braunschweigerin und jetzt feinsinnig- vielversprechenden Nachwuchs- Puppen- Spielerin in Berlin lebend, die neueste Inszenierung. Beim Betrachten der theatralen Nahaufnahme bleibt Anke Bergers Koproduktion zum Anlass der Festivalpremiere kein "Geheimnis".

Weiten wir wieder den Blick: Elise Vigneron aus Frankreich, Polina Borisova aus Russland und Yael Rasooly aus Israel sind drei junge, international gefeierte Nachwuchskünstlerinnen, die jede auf ihre ganz eigene Weise neue Formen des Figurentheaters auf dieses Festival nach Braunschweig bringt.

Der Draufblick auf Themen und Inhalte der eingeladenen Stücke, lässt so etwas wie universelle Fragen und die Suche nach Antworten erkennen. Dieser rote Faden zieht sich nicht nur durch das Abendprogramm, sondern ist auch für die Kinderstücke selbstverständlich. Besonders Margrit Gysin aus der Schweiz mit ihrem "Buch von allen Dingen" verbindet hervorragende Unterhaltung mit philosophischem Tiefgang, lässt uns Dinge sehen, die sonst keiner sieht.

Auf dem Eröffnungsabend verzaubert Uta Gebert aus Berlin mit "Anubis", durch ihr bekanntlich hochpräzises Puppenspiel das Publikum, beglückt sogar, obwohl es um den Tod geht. Glück in seiner vielfältigen Erscheinung bringt das Glücksrad von Inka Arlt zum Vorschein. Bei der 3. Darbietung des Eröffnungsabends "L'Aurore" werdenBlickwinkel gewechselt, das Licht neu gesetzt und Szenen wiederholt. Trickreich wird Bühne in Filmkulisse verwandelt, ganz ohne Sprache.

Ohne Worte, doch sehr bilderreich und live - musikalisch sind "Bramborry" und "Krabat". Beides ein großer Kunstgenuss, gleichermaßen für Kinder und Erwachsene. Auch die Allerkleinsten werden im wahrsten Sinne des Wortes erleuchtet. Das Theater La Baracca aus Bologna/ Italien begeistert die Kinder mit "Licht an...Licht aus".
Ergänzt wird diese Vorstellung durch ein anschließendes Symposium, in dem der Theaterdirektor aus Bologna und Gründer des europäischen Netzwerkes "small size" seine Charta für die Rechte des Kindes auf Kunst und Kultur vor- und zur Diskussion stellt.

Mit unserem neusten, abenteuerlich-barock-musikalischen Stück "Don Quijote" möchten wir nach der Zauberflöteninszenierung erneut das junge Publikum mit klassischer Musik begeistern.

Verzeihen sie uns Freaks und Fremde mit ihrer "Freakshow", das musste sein! Abgründig und andersartig geht es auch mit Duda Paivas "Bastard" zu. Paivas unverwechselbare Ästhetik aus begnadetem Tanz und inspiriertem Puppenspiel wird als herausragende Inszenierung im Staatstheater gezeigt.
Neben der Bühne in unserem Theaterhaus im Bültenweg wird außerdem auf den Brettern des LOT Theaters und in den Keller-Katakomben des Rebenparkes gespielt. Ebenfalls werden die Puppenspieler in der Braunschweiger Innenstadt "Pate" stehen.

Kommen Sie mit, brennen Sie mit uns und den "Burning Puppets", in einer Woche voller Überraschungen, die wie das Kleiststück vom Theater des Lachens eine Liebeserklärung an das Figurentheater ist!

Hanne Scharnhorst
Künstlerische Leitung

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Ach ja, Mensch, das Grußwort.
War versprochen.
Also los jetzt.
Eigentlich habe ich gar keine Zeit.
Aber für die Freunde vom Fadenschein natürlich schon. Leider ist es ja so, dass Grußworte zu den am wenigsten gelesenen Prosa-Werken der Welt gehören - noch hinter Kunst-Katalogen und dem Kleingedruckten beim Staubsauger-Kauf. Irgendwelche Würden- träger sind da meist abgebildet im Halbprofil mit Schlips und erklären in wohlgesetzt gestelzten Worten, wie ungemein wichtig und bedeutsam und unverzichtbar das ist, was sie da gerade anzupreisen haben.
Das liest kein Mensch.
Zumal diese Würdenträger das in der Regel sowieso nicht selber schreiben, sondern von ihren Referenten verfassen lassen. Ich bin aber leider kein Würdenträger und habe folglich auch keinen Referenten. Und eigentlich habe ich gar keine Zeit. Aber für die Freunde vom Fadenschein schon. Die ich mit meiner publizistischen Zwitscherbude schon so lange begleite, deren Kirschen Schwärze ich schon so oft besungen habe. Bei denen in dem kleinen Park in dem kleinen Theater ich mich immer sofort wohl und geborgen fühle. Denen ich zauberhafte und anrührende Theater-Momente verdanke. Mit Paul Klee zum Beispiel, mit Rubens oder der Zauberflöte. Und sentimentale Erinnerungen: Wie mich einmal mein Sohn, als er noch klein war, nach Ende einer Vorstellung staunend zur Bühne zog, um heraus zu finden, wie der kleine Kanto aus dem Raum ohne Tür gekommen war...
Eine Truppe, bei der ich mich frage: Wie schaffen die das, sich über die vielen Jahre selbst auszubeuten und dabei niemals ihren Enthusiasmus und ihre Freundlichkeit und ihre wunderbar verspielte Kreativität zu verlieren?
Und nun also dieses Festival schon wieder. Schon von den internationalen Titeln her eine Art theatrale Weltumrundung. Vom französischen Sonnenuntergang bis zu amerikanischen Herbstbildern. Von Kleist bis Cervantes, von Phoenix, Krokodil und Bastard. Das lockt die Phantasie ins Phantastische, das ist schon eine Perle in dieser Stadt. Also, nichts wie hin? Da kommen wir zu einer weiteren Crux von Grußworten: Da preisen die erwähnten Würdenträger die Veranstaltungen, für die sie ihre Grußworte schreiben, dass sich die Balken biegen. Dann werden sie aber dort gar nicht gesehen. Deshalb habe ich vorsichtig ein Fragezeichen gemacht. Denn natürlich habe ich eigentlich gar keine Zeit. Aber ich war schon viel zu lange nicht mehr dort.

Beste Grüße
Martin Jasper

Braunschweiger Zeitung

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Grußwort der UNIMA zum 4. Weitblickfestival bei Fadenschein/Braunschweig:

1929 fanden sich in Prag internationale Puppentheaterenthusiasten zur Gründung der Union Internationale de la Marionnette (kurz: UNIMA) zusammen.
Sie wollten sich künstlerisch, wissenschaftlich, pädagogisch über das Phänomen Puppentheater verständigen: "Puppentheater", diese uralte faszinierende, provozierende, verträumte, rührende und kraftvolle Theaterkunst, soll nicht nur nie aussterben, nein sie soll leben, teilnehmen an dem aktuellen Leben der Menschen. Über "Puppentheater" soll diskutiert werden, da sollen Kinder und da sollen Erwachsene kommen, zuschauen und auch mitmachen, da sollen Künstler miteinander produktiv um neue Formen streiten, sich gegenseitig mit Ideen und Ansichten bereichern.
Heute ist diese älteste Theatervereinigung der Welt 84 Jahre alt, und in fast allen Ländern der Erde sind Zentren entstanden, die diesen Gedanken künstlerisch und kulturpolitisch weitertragen.
Und Braunschweig spielt hier eine wichtige Rolle! Das erste internationale Treffen nach dem Krieg fand 1957 hier statt - der Kunstprofessor Harro Siegel setzte auf Vielfalt und Konfrontation. Die Qualität der beliebten internationalen Puppenspielwochen in den folgenden Jahrzehnten, in der sich z.B. auch ost- und westdeutsche Puppenspieler begegnen konnten, strahlte auf jüngere Theaterschaffende aus.
Hier begann vor 30 Jahren die Arbeit der "Fadenscheins", dieser Studentengruppe an der Pädagogischen Hochschule und der HBK, Braunschweig - für Kinder, für Erwachsene, auf der Straße, in der "brücke" und überall mobil unterwegs. Sie erwerben ihren guten anspruchsvollen Ruf, knüpfen Kontakte …
und: Mit ihrem eigenen Theaterhaus binden sie sich ab 1995 vollends an die Stadt - das Publikum dankt es ihnen mit seinem Zulauf! Als die städtisch organisierte Puppenspielwoche dem Rotstift zum Opfer fallen soll, bieten die "Fadenscheins" ihre Kreativität und Eigeninitiative an. Heute eröffnen wir schon das vierte internationale Festival "Weitblick"! Da treffen sich internationale Künstler, da wird die Innenstadt, der Museumspark, der Schlossplatz für alle zum Theater, da sind sie Gastgeber für Puppenspieler, Neugierige, Kinder, Träumer, Eltern, Begeisterte und noch viel mehr Zuschauer. In ihrer Theaterarbeit ist der Gedanke der UNIMA vibrierend lebendig und lässt das Publikum teilhaben an der ungeheuren Vielfalt dieser Theaterkunst.

Die UNIMA Deutschland wünscht dem "Figurentheater Fadenschein" viel Kraft und Humor, die Spanne zwischen Internationalität und regionaler Kultur weiterhin so kreativ zu packen und zu bereichern.

Stephan Schlafke
1. Vorsitzender UNIMA Deutschland e.V.